Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Potsdamer Kolloquium: Sport - Politik - Markt - Staat [Druckversion]
Potsdamer Kolloquium: Sport - Politik - Markt - Staat
Ein internationales Kolloquium des Liberalen Instituts in Potsdam hat das Verhältnis zwischen Sportsgeist, Leistungs- und Amateursport, Politik, Kommerz und Markt untersucht.
Die österreichische Zeitung „Der Standard“ hat kürzlich im Beitrag Fußballonomics für Beginner darauf hingewiesen, dass in der Alpenrepublik „noch nie so viel Steuergeld mit so wenig politischem Diskussionsaufwand ausgegeben worden ist wie jene schätzungsweise plusminus 400 Millionen Euro, die die öffentlichen Hände drei Wochen Fußball-Europameisterschaft in Österreich“ gekostet haben. Der Autor lenkte damit das Augenmerk auf das weltweit zu beobachtende Phänomen, dass der Sport in Ansehen und Interesse bei Politik und Bevölkerung eine Sonderstellung genießt: Erstaunlich daran sei nämlich eigentlich nur, „wie einfach es im Grunde ist, in Zeiten, in denen es ja den ‚kleinen Leuten’ angeblich von Tag zu Tag schlechter geht und sie nicht mehr wissen, womit das teure täglich Brot bezahlen, derart substanzielle Summen auf Kosten eben jener ‚kleinen Leute’ zu mobilisieren. Und das, ohne dass die zu murren beginnen; ganz im Gegenteil.“
Einführung von Detmar Doering
In seiner Einführung in das Kolloquium lenkte Detmar Doering, Leiter des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, sogleich die Aufmerksamkeit auf die oft fließenden Grenzen zwischen Politik, Sport, Kommerz und gesellschaftlichen Befindlichkeiten. Zwischen der Fußball-Europameisterschaft und den Olympischen Spielen sei es nur folgerichtig, sich in einer internationalen Veranstaltung mit dem Phänomen „Sport“ und dessen Einbindung in unterschiedliche Bereiche zu befassen. Experten aus den USA, England und Deutschland waren hierzu nach Potsdam ins Truman-Haus gekommen.
Sportvereine als Demokratieschulen?
Sport im Fußballverein*
Detlef Parr MdB, sportpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, gab in seinem Eröffnungsreferat zunächst einige Erklärungen für das enorme Interesse der Volksvertreter am Sport: In Deutschland sind 27 Millionen Menschen in Sportvereinen organisiert. Sportvereine spielen bei der Wertevermittlung und für den Zusammenhalt eine außerordentlich wichtige Rolle, übernehmen Verantwortung und wirken ohne staatliches Engagement tief in die Gesellschaft hinein. Sie erweisen sich als Orte des Bürgerengagements, des Ehrenamtes und sind durch ihre Selbstverwaltungs- und Organisationsstrukturen Schulen der Demokratie. Oftmals unterschätzt wird ihre Rolle als Arbeitgeber, denn sie halten ungefähr gleich viele Arbeitsplätze vor wie kommerzielle Fitnessstudios.
Detlef Parr MdB
Gleichwohl sehen sich die Vereine heute einigen grundlegenden Herausforderungen gegenüber: Durch die Individualisierung innerhalb der Gesellschaft stillen immer mehr Menschen ihr Bedürfnis nach körperlicher Ertüchtigung in Fitnessstudios, so dass die oben skizzierten sozialen Fertigkeiten zu verkümmern drohen. Die demographische Entwicklung wird auch auf die Strukturen der Sportvereine sowie auf ihr Angebot durchschlagen. Viele Vereine in ostdeutschen Gemeinden, die von jungen Leuten auf der Suche nach Arbeit verlassen wurden, haben damit bereits einschlägige Erfahrungen sammeln müssen. Im Hinblick auf den Spitzensport forderte Parr, dass die Möglichkeiten, Spitzensport und Berufstätigkeit miteinander zu verbinden, verbessert werden. Die Unterstützung der Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018 bezeichnete er als eine „große Chance für Deutschland“, womit die Bewerbung als „öffentliche Aufgabe betrachtet werden“ müsse. Ohnehin sei das deutsche Parlament der größte Unterstützer des Spitzensports, der anders als die Breitensportvereine ohne staatliche Unterstützung meist nicht die ihm zugedachte Rolle spielen könne.
Lincoln Allison, Raymond Sauer
In der Diskussion äußerte Lincoln Allison, der jahrelang u.a. an den englischen Universitäten Warwick und Brighton lehrte, massive Zweifel an der von Politikern und Sportfunktionären gerne verwendeten These, Elitesport und Breitensport gingen auseinander hervor. Es beruhe auf einer (zu) „optimistischen Theorie“, wenn man behaupte, sportliche Welterfolge eines Landes animierten die Bevölkerung dazu, mehr Sport zu treiben. Auch die These, dass Elitesport eine positive Vorbildfunktion ausübe, halte er für sehr angreifbar. Peter Altmiks, Steuer- und Wirtschaftsexperte des Liberalen Instituts, erinnerte daran, dass der Steuerzahler bei der Ausrichtung von sportlichen Großveranstaltungen immer zur Kasse gebeten werde und direkte wie indirekte Subventionen für weltweit agierende Sportverbände wie die UEFA oder das IOC an der Tagesordnung seien – ohne dass es dagegen nennenswerten politischen oder gesellschaftlichen Widerstand gebe.
Netzwerkeffekte und Beharrungskräfte
Raymond Sauer, Wirtschaftsprofessor an der Clemson University in South Carolina, USA, stimmte mit Detlef Parr darin überein, dass die Rolle des Staates im Sport möglichst gering sein müsse und das staatliche Anliegen vor allem darin bestehen müsse, den anfallenden Verwaltungsaufwand niedrig zu halten. Als Ökonom, der sich mit Fragen des Sports beschäftigt, ist ihm aufgefallen, dass die Fähigkeiten und der Wille zu Veränderungen im Sport weitaus schwächer und Beharrungskräfte sehr viel stärker ausgeprägt sind als in der Wirtschaft. Er führte dies anhand des wirtschaftlichen Wandels und der Entwicklung der Sportlandschaft im amerikanischen Bundesstaat South Carolina eindrucksvoll vor Augen.
Raymond Sauer
Betrachte man den Sport als eine Industrie, so sei dieser strukturelle Konservatismus durchaus problematisch. Dies sei nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Tatsache bemerkenswert, dass beim Sport in starkem Maße verschiedene „Netzwerkeffekte“ wirksam sind: Verhaltensweisen, Präferenzen und Engagement werden sowohl bei aktiven wie auch bei passiven Sportlern von den Aktivitäten Anderer stark beeinflusst. Dies sei eine der Haupterklärungen für das Phänomen, dass Fußball in vielen Ländern seit Jahrzehnten die beliebteste Sportart ist, obwohl die sportliche Substanz oft mehr als dürftig und der Anteil an schwachen Spielen objektiv betrachtet erschreckend hoch ist. Darüber hinaus böten die „Netzwerkeffekte“ eine Erklärung dafür, weshalb sich beispielsweise weder Fußball in Amerika noch Cricket, Baseball und Basketball in Deutschland beim breiten Publikum durchsetzen können. Initiativen, Sportarten für neue Länder und Zielgruppen attraktiv zu machen, unterlägen oftmals global angelegten Strategien, da das kommerzielle Potential enorm sei, wenn weltweit Menschen den Kauf von Trikots eines bestimmten Vereins attraktiv finden oder Spiele aus weit entfernten Sportligen über das Bezahlfernsehen abrufen. In der deutschen Fußball-Bundesliga oder der amerikanischen Basketball-Liga NBA beispielweise werden immer wieder gezielt chinesische Spieler in die Teams geholt, um diese für das chinesische Milliardenpublikum attraktiv zu machen. Der nächste Schritt dürften wohl Welt-Ligen in bestimmten Sportarten sein.
Unpolitischer Sport?
Die Sporthistorikerin Jutta Braun von der Universität Potsdam setzte sich mit der Frage auseinander, ob internationaler Sport überhaupt unpolitisch sein kann, was von vielen internationalen Sportfunktionären noch immer unverdrossen behauptet wird. Gleichermaßen anschaulich wie kurzweilig deklinierte sie diese Frage am Beispiel des deutschen Hochleistungssports während der Zeit der Teilung bis 1989 durch.
Jutta Braun
Vor allem in der DDR war der Sport stets ein Politikum, nicht nur im Spitzen-, sondern auch im Breitensport. Älteren DDR-Bürgern klingen noch heute die Parolen der Parteiführung in den Ohren, wenn beispielweise Walter Ulbricht forderte: „Jeder Mann an jedem Ort, einmal in der Woche Sport!“ Gewonnene internationale Wettkämpfe hatten über das rein Sportliche hinausgehend auch immer die Funktion, nebenbei noch die Überlegenheit des Sozialismus demonstrieren zu sollen. Bereits früh schwärmten die Talentsucher in Schulen und Kindergärten aus, um Nachwuchs für sportliche Höchstleistungen zu rekrutieren. Da die Ressourcen aber begrenzt waren, wurden ab 1969 in Vorbereitung der aus deutsch-deutscher Sicht besonders prestigeträchtigen Olympischen Spiele in München nur noch sogenannte „Kernsportarten“ gefördert, was für Fußball, Tennis, Basketball etc. enorme Verluste brachte und Sportarten wie Schwimmen oder Leichtathletik in den Vordergrund rückte.
Mit der Einführung von „ESA“, dem „Einheitlichen Sichtungs- und Auswahlsystem“ sollte sichergestellt werden, dass kein Talent unentdeckt blieb. Die Auswahl der passenden Sportart übernahm der Staat. Dass die Möglichkeiten einer propagandistischen Instrumentalisierung des Sports ihre Grenzen hatte, mussten die Politiker der DDR aber bereits früh erfahren: Versuche in den fünfziger Jahren, deutsch-deutsche Sportbegegnungen durch flankierende Holzhammer-Propaganda wie der Stadionplakatierung mit Stalin-Porträts zu nutzen, erreichten beim Publikum das Gegenteil des gewünschten Effekts und wurden daher bald wieder fallen gelassen.
Tugend, Liebe und Kommerz
Rugby einst...
Lincoln Allison schließlich schloss den Kreis, den Detlef Parr eröffnet hatte, indem er die Entwicklung der Sportvereine einigen grundsätzlichen Fragestellungen unterzog. Allison räumte zunächst mit der romantisierenden Verklärung des „Amateurismus“ auf – und verstand es trotzdem, die tief empfundene Liebe zum Sport, der sich Aktive und Zuschauer oftmals einfach nicht entziehen können, eindrücklich vor Augen zu führen. Seinem Vortrag gab er den Titel „Sport als Tugend… als Liebe… als Kommerz“ und schlug dabei den Bogen vom 19. bis in das 21. Jahrhundert. Mit seinem Überblick über die Geschichte des organisierten Sports und über die Einrichtung von Ligen, zeigte er, wie in England die Ursprünge des Mannschaftssports mit einer grundlegenden Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft einher gingen. Er machte darauf aufmerksam, dass es bereits im 19. Jahrhundert in einigen Sportarten starke Strömungen für eine Professionalisierung gab und dass erst einige Jahrzehnte später die „Hegemonie des Amateurismus“ die Oberhand gewann. Es sei dabei fast unnatürlich gewesen, das „kommerzielle Prinzip zu negieren“, zumal „Amateurismus weit mehr bedeutet, als einfach für eine Sache nicht bezahlt zu werden.“
...und heute.*
Mit der englischen Gesellschaft habe sich auch der englische Sport geändert, was sich nicht zuletzt im Vereinswesen zeige: Ein Sportverein sei von Natur aus eigentlich exklusiv, also von vornherein darauf ausgerichtet gewesen, nur bestimmten Personenkreisen ein Dach für die Verwirklichung gemeinsamer Interessen zu bieten. Man wählte diese Organisationsform bewusst, um nicht mit Personen den Umgang pflegen zu müssen, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben wollte. Dass es sich hierbei keineswegs um ein Phänomen aus längst vergangener Zeit handelt, zeigt die Tatsache, dass die englische Rugby Union noch bis 1985 die Einrichtung einer Rugby-Liga vermied, damit Vereine nicht gezwungen werden konnten, sich mit gegnerischen Mannschaften auseinandersetzen zu müssen, die sie für geschmacklos („distasteful“) hielten. Heute hingegen hätten zumindest Breitensportvereine einen entschieden inklusiven Charakter: „Sie haben Integration zum höchsten Ziel erklärt.“ Den Sportvereinen habe der Wandel zur Moderne nicht immer gut getan. Allison bemängelte, dass heutzutage zahlreiche Subventionen an Sportvereine bezahlt werden und man mitunter den Eindruck habe, dass der Wettbewerb inzwischen bei der Jagd nach staatlicher Unterstützung sehr viel engagierter geführt wird als in den Sportstätten. Die Kommerzialisierung im Spitzensport betrachtet Allison als unumkehrbar. Nüchtern stellte er fest, dass selbst im hoch- und oft überbezahlten Profisport die Werte des Amateurismus dominieren und selbst Sporthosen tragende ausgewiesene „Protagonisten des Kapitalismus“ diese hochhalten.
Das Liberale Institut wird in Kürze Druckfassungen der von Detlef Parr, Raymond Sauer, Jutta Braun und Lincoln Allison erarbeiteten Kolloquiumsbeiträge publizieren, die Sie nach Erscheinen hier bestellen können.