Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Es begann mit Heuss in Heppenheim [Druckversion]




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Es begann mit Heuss in Heppenheim
Kolloquium zur Liberalismus-Forschung in Gummersbach


Dr. Sibylle Busch überreicht den Wolf-Erich-Kellner-Gedächtnis-Preis an Dr. Arndt Kremer
Erstmals war das Kolloquium zur Liberalismus-Forschung ausschließlich der Zeitgeschichte gewidmet. Der Anlass dazu ergab sich daraus, dass die FDP als Bundespartei im kommenden Jahr ihr sechstes Jahrzehnt vollenden wird. Dabei ging es weniger um eine Gesamtschau freidemokratischer Parteigeschichte als vielmehr um eine kritische Würdigung aktueller Forschungsergebnisse in Geschichts- und Politikwissenschaft. Den Auftakt macht die Frankfurter Lehrstuhlinhaberin Marie-Luise Recker, die anhand ihres umfassenden Forschungsprojektes zur bundesrepublikanischen Parteiengeschichte einen Überblick über die kleineren Parteien im bundesdeutschen Parlamentarismus gab und dabei die besondere Rolle der FDP herausstellte. Diese könne als einzige Partei neben den beiden Volksparteien auf eine gesamtbundesrepublikanische Geschichte zurückschauen, was Prof. Recker vor allem mit ihrem „programmatischen Kern“ erklärte. Neues Licht auf die Gründungsphase der FDP warf Ernst Wolfgang Becker vom Stuttgarter Heuss-Haus. Die von ihm edierten Briefe des ersten Parteivorsitzenden aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigten einen schwer mit sich ringenden Theodor Heuss, der keineswegs über die ihm scheinbar natürlich zufallende Führungsrolle im Nachkriegsliberalismus glücklich war, der zugleich aber dennoch z. T. energisch seine Auffassung durchsetzte. Zweifellos lag Heuss die Bundespräsidentenrolle weit mehr als die eines Parteivorsitzenden, wie Hans-Peter Mensing vom Adenauer-Haus in Rhöndorf darlegte. Trotz aller Bonhomie konnte Heuss, ein „bissig-illusionsloser Intellektueller“ (Mensing), durchaus politischen Durchsetzungswillen demonstrieren, der sich vor allem auf Personalfragen bezog. In einem dritten auf Heuss ausgerichteten Referat fragte Monika Fassbender vom Archiv des Liberalismus nach dessen Vermächtnis für die Friedrich-Naumann-Stiftung. Diese sei zwar weder von ihm direkt initiiert noch gar eigenhändig ins Leben gerufen, wohl aber habe er starken Einfluss auf ihre personelle und programmatische Ausrichtung genommen; gerade letzteres sollte sich als sehr langlebig erweisen. Trotz einer weitaus längeren Amtszeit und trotz eines klaren marktwirtschaftlichen Profils blieb der zweite FDP-Vorsitzende Franz Blücher weit weniger im liberalen Gedächtnis haften. Das lag vor allem daran, dass er, wie Anne Rüther (Bad Arolsen) ausführte, als Minister permanent um seinen politischen Einfluss gegen die Schwergewichte Adenauer und Erhard ringen musste und ihnen letztlich unterlag.

Professor Theo Schiller bei seinem Festvortrag
Eine Teilsession des Kolloquiums widmete sich den Liberalen in Niedersachsen und Hessen. Thomas Klingebiel (Universität Göttingen) verwies auf den erstaunlichen Umstand, dass sich die niedersächsische FDP anfänglich vor allem aus dem freisinnigen Bürgertum der Großstädte rekrutierte. Der vieldiskutierte Rechtsschwenk des Landesverbandes erfolgte erst, als dieser Anfang der 1950er-Jahre versuchte, sich auch auf das „platte Land“ auszudehnen, und sich dabei vor allem der ehemaligen Wehrmachtssoldaten bedienen zu müssen glaubte. In Hessen hatte ein ähnlicher Versuch um 1950 zu erstaunlichen Wahlergebnissen geführte; im Rausch dieses Erfolges suchte die Leitfigur der dortige Freidemokraten, August Martin Euler, aber verstärkt den Konflikt mit dem Parteivorsitzenden Thomas Dehler, was von Eulers Landesverband, so die Frankfurter Doktorandin Andrea von Lucke, weniger aus inhaltlichen als vielmehr aus strategischen Gründen nicht gebilligt wurde. Deshalb blieb Euler schließlich im Zuge der Spaltung in der Minderheit; dennoch litten die hessischen Freidemokraten vor allem organisatorisch mehr als ein Jahrzehnt unter den Folgen der Krise von 1956.
Mit den Beziehungen zwischen der FDP und Ludwig Erhard befasste sich Anette Koch-Wegener, Altstipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung aus Hamburg. Trotz der „ideologischen Zugehörigkeit“ des langjährigen Wirtschaftsministers und später Kanzler zum Liberalismus, war die Harmonie zwischen ihm und den Freidemokratie insgesamt gesehen eher „oberflächlich“, denn es gab nicht nur während seiner Kanzlerzeit, sondern schon in den 1950er-Jahren eine Reihe von Konfliktpunkten, z. B. das Kartellrecht, wobei bei den Liberalen die Enttäuschung über seinen überraschende Anschluss an die CDU, der er im Zweifel politisch immer wieder folgte, lange nachwirkte. Mit neuen Erkenntnissen zum berühmten, teilweise auch berüchtigten „Kirchenpapier“ der FDP wartete die Münsteraner Doktorandin Tabea Esch auf. Diese Debatte sei der Partei vor allem von außen aufgedrängt worden, wobei hier die Jungdemokraten mit der Humanistischen Union zusammenarbeiteten, und ihre eher geräuschlose Behandlung sei an Indiskretionen gescheitert, die dem Kirchenpapier eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit verschafften. Dennoch wollte die Referentin darin nicht eine Absage an einen in kultur- und kirchenpolitischer Hinsicht „geläuterten Liberalismus“ erblicken, wie er von der FDP seit 1950 propagiert wurde.

Der Preisträger Arndt Kremer bei seiner Erwiderung auf die Laudation
Im abschließenden Podium stellte der Jenenser Doktorand Klaus Weber seine Untersuchungen über den „Aufstieg der Linksliberalen 1966-1970“ vor, die er am Beispiel von Hildegard Hamm-Brücher und Ralf Dahrendorf exemplifizierte. Beide, die nacheinander jeweils als „linksliberaler Messias“ angesehen wurden, gingen ihre innerparteiliche Karriere eher als Einzelkämpfer an und erfreuten sich dabei vor allem Unterstützung von außen. Beide harmonierten aber nicht mit den Anforderungen eines normalen politischen Alltagbetriebs und konnten deshalb zwar manche programmatische Anregung geben, den politischen Betrieb der FDP aber allenfalls sehr kurzfristig beeinflussen.
In drei Referaten ging es schließlich um die liberale Deutschlandpolitik: Ines Soldwisch (Universität Aachen) beleuchtete noch einmal das kurzlebige gesamtliberale Projekt der „Demokratischen Partei Deutschlands“, das wegen der sowjetischen Besatzungspolitik nicht nur von den West-Liberalen sehr kritisch begleitet wurde: Auch die ostzonalen Liberaldemokraten verloren schon bald ihren diesbezüglichen Optimismus, als sich die DPD nicht als Instrument für den liberaldemokratischen Führungsanspruch erwies. In der LDP-Parteipresse wurde der liberale Gesamtverband schon etliche Zeit vor seiner Auflösung Anfang 1948 zu einer „Randerscheinung“. Jürgen Frölich, ebenfalls vom Archiv des Liberalismus in Gummersbach, zeichnete die Beziehungen zwischen FDP und LDPD in den 1970er und 1980er-Jahren nach. Er vertrat die Auffassung, dass die seit 1982 auffällig intensivierten Kontakte West- und Ostliberalen vor allem der innenpolitischen Profilierung dienten, so dass es ihnen allem Anschein mehr auf die Kontakte und Gespräche selbst als auf konkrete Inhalte ankam. Die mittel- und langfristigen Wirkungen dieser doch recht einzigartigen innerdeutschen Beziehungen auf Parteiebene sei schwer einzuschätzen: Sie hätten sicherlich die liberale Fusion 1990 erleichtert, andererseits aber den Mitgliederschwund der gesamtliberalen FDP in den 1990er-Jahren nicht verhindert. Hans-Heinrich Jansen, Co-Editor der Dokumente zur Deutschlandpolitik, ging schließlich dem liberalen Einfluss auf die Deutschlandpolitik der Bundesregierungen Schmidt und Kohl nach und kam dabei zu einem ernüchternden Fazit: In den amtlichen Akten der beteiligten Ministerien schlage sich die von den Freidemokraten gern beanspruchte deutschlandpolitische Führungsrolle so gut wie gar nicht nieder. Weiterer Aufschluss zu deutschlandpolitischen Aktivitäten könne allenfalls aus bis heute nicht zugänglichem Material der damaligen politischen Akteure gewonnen werden.
Im Rahmen einer Feierstunde wurde dem Kölner Germanisten und Altstipendiaten Arndt Kremer der Wolf-Erich-Kellner-Gedächtnis-Preis verliehen für seine Dissertation „Der Kampf um Sprache im deutsch-jüdischen Diskurs. Die liberalen deutschen Juden im Konflikt zwischen sprachbestimmter Kulturnation und rassischem Antisemitismus 1895-1933.“ In seiner Laudatio hob Barthold C. Witte (Bonn) nicht nur die luzide Argumentation, sondern auch den Sprachstil des ausgezeichneten Werkes hervor, das einmal mehr den durch Antisemitismus und Holocaust für die deutsche Kultur herbeigeführten Verlust eindringlich verdeutliche. Den Festvortrag hielt Theo Schiller (Universität Marburg) über „Die FDP in der Sicht der gegenwärtigen Politikwissenschaft“. Die Kolloquiumsbeiträge sollen im nächsten Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung publiziert werden und damit rechtzeitig zum Jubiläum der Freien Demokraten vorliegen.

Dr. Jürgen Frölich




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