Es begann mit Heuss in Heppenheim
Kolloquium zur Liberalismus-Forschung in Gummersbach
| Dr. Sibylle Busch überreicht den Wolf-Erich-Kellner-Gedächtnis-Preis an Dr. Arndt Kremer |
| Professor Theo Schiller bei seinem Festvortrag |
Mit den Beziehungen zwischen der FDP und Ludwig Erhard befasste sich Anette Koch-Wegener, Altstipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung aus Hamburg. Trotz der „ideologischen Zugehörigkeit“ des langjährigen Wirtschaftsministers und später Kanzler zum Liberalismus, war die Harmonie zwischen ihm und den Freidemokratie insgesamt gesehen eher „oberflächlich“, denn es gab nicht nur während seiner Kanzlerzeit, sondern schon in den 1950er-Jahren eine Reihe von Konfliktpunkten, z. B. das Kartellrecht, wobei bei den Liberalen die Enttäuschung über seinen überraschende Anschluss an die CDU, der er im Zweifel politisch immer wieder folgte, lange nachwirkte. Mit neuen Erkenntnissen zum berühmten, teilweise auch berüchtigten „Kirchenpapier“ der FDP wartete die Münsteraner Doktorandin Tabea Esch auf. Diese Debatte sei der Partei vor allem von außen aufgedrängt worden, wobei hier die Jungdemokraten mit der Humanistischen Union zusammenarbeiteten, und ihre eher geräuschlose Behandlung sei an Indiskretionen gescheitert, die dem Kirchenpapier eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit verschafften. Dennoch wollte die Referentin darin nicht eine Absage an einen in kultur- und kirchenpolitischer Hinsicht „geläuterten Liberalismus“ erblicken, wie er von der FDP seit 1950 propagiert wurde.
| Der Preisträger Arndt Kremer bei seiner Erwiderung auf die Laudation |
In drei Referaten ging es schließlich um die liberale Deutschlandpolitik: Ines Soldwisch (Universität Aachen) beleuchtete noch einmal das kurzlebige gesamtliberale Projekt der „Demokratischen Partei Deutschlands“, das wegen der sowjetischen Besatzungspolitik nicht nur von den West-Liberalen sehr kritisch begleitet wurde: Auch die ostzonalen Liberaldemokraten verloren schon bald ihren diesbezüglichen Optimismus, als sich die DPD nicht als Instrument für den liberaldemokratischen Führungsanspruch erwies. In der LDP-Parteipresse wurde der liberale Gesamtverband schon etliche Zeit vor seiner Auflösung Anfang 1948 zu einer „Randerscheinung“. Jürgen Frölich, ebenfalls vom Archiv des Liberalismus in Gummersbach, zeichnete die Beziehungen zwischen FDP und LDPD in den 1970er und 1980er-Jahren nach. Er vertrat die Auffassung, dass die seit 1982 auffällig intensivierten Kontakte West- und Ostliberalen vor allem der innenpolitischen Profilierung dienten, so dass es ihnen allem Anschein mehr auf die Kontakte und Gespräche selbst als auf konkrete Inhalte ankam. Die mittel- und langfristigen Wirkungen dieser doch recht einzigartigen innerdeutschen Beziehungen auf Parteiebene sei schwer einzuschätzen: Sie hätten sicherlich die liberale Fusion 1990 erleichtert, andererseits aber den Mitgliederschwund der gesamtliberalen FDP in den 1990er-Jahren nicht verhindert. Hans-Heinrich Jansen, Co-Editor der Dokumente zur Deutschlandpolitik, ging schließlich dem liberalen Einfluss auf die Deutschlandpolitik der Bundesregierungen Schmidt und Kohl nach und kam dabei zu einem ernüchternden Fazit: In den amtlichen Akten der beteiligten Ministerien schlage sich die von den Freidemokraten gern beanspruchte deutschlandpolitische Führungsrolle so gut wie gar nicht nieder. Weiterer Aufschluss zu deutschlandpolitischen Aktivitäten könne allenfalls aus bis heute nicht zugänglichem Material der damaligen politischen Akteure gewonnen werden.
Im Rahmen einer Feierstunde wurde dem Kölner Germanisten und Altstipendiaten Arndt Kremer der Wolf-Erich-Kellner-Gedächtnis-Preis verliehen für seine Dissertation „Der Kampf um Sprache im deutsch-jüdischen Diskurs. Die liberalen deutschen Juden im Konflikt zwischen sprachbestimmter Kulturnation und rassischem Antisemitismus 1895-1933.“ In seiner Laudatio hob Barthold C. Witte (Bonn) nicht nur die luzide Argumentation, sondern auch den Sprachstil des ausgezeichneten Werkes hervor, das einmal mehr den durch Antisemitismus und Holocaust für die deutsche Kultur herbeigeführten Verlust eindringlich verdeutliche. Den Festvortrag hielt Theo Schiller (Universität Marburg) über „Die FDP in der Sicht der gegenwärtigen Politikwissenschaft“. Die Kolloquiumsbeiträge sollen im nächsten Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung publiziert werden und damit rechtzeitig zum Jubiläum der Freien Demokraten vorliegen.
Dr. Jürgen Frölich
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