Bronisław Geremek – Zum Tode eines großen Europäers
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| Bronisław Geremek (1932-2008)* |
In seiner Lebensgeschichte vereinigte Geremek, der Sohn eines Rabbiners, die tragische und letztendlich doch glückliche Geschichte Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert. Als achtjähriger Junge wurde Bronislaw 1940 von den deutschen Besatzern Polens mit seinen Eltern ins Warschauer Ghetto verschleppt, aus dem er 1943 mit seiner Mutter fliehen konnte. Sein Vater wurde in Auschwitz ermordet, Bronislaw selbst überlebte mit Hilfe einer katholischen Familie. Nur selten hat sich Geremek später zu den entsetzlichen Erlebnissen seiner Jugendzeit geäußert. Er betrachtete diese Jahre als „zamknięty kajet“, als ein abgeschlossenes „Heft“ der Lebensgeschichte, das aufzuschlagen mit zu viel persönlichem Leid verbunden sein würde.
Nach 1945 ging Geremek den Weg vieler junger Polen, ja auch vieler junger polnischer Juden. Er studierte Geschichte an der Warschauer Universität und engagierte sich zugleich in der kommunistischen Partei Polens, wo er es – durch Jahre zunächst des Stalinismus und dann des Nationalkommunismus Gomułka’ scher Prägung - bis zum Zweiten Sekretär der Grundorganisation der „Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei“ an der Universität Warschau brachte. 1958 zurückgekehrt von einem dreijährigen Studium an der Pariser „École pratique des Hautes Études“ promovierte er 1960 in Warschau mit einer Dissertationsthematik, die ihn von nun an auch weiter in seinem reichen wissenschaftlichen Leben begleiten sollte: die Sozial- und Kulturgeschichte Frankreichs und insbes. der Metropole Paris im späten Mittelalter. Bis Mitte der 1980er Jahre blieb der 1972 habilitierte Geremek Mitarbeiter des Historischen Instituts der Polnischen Akademie der Wissenschaften.
Was sich zunächst als politische Stromlinienförmigkeit ausnahm, veränderte sich im Schicksalsjahr 1968 grundlegend: Aus Protest gegen die Niederschlagung des „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ in der Tschechoslowakei verließ Geremek die PVAP und schloss sich oppositionellen Kräften an, ein Weg, der ihn 1980 in die Reihen der gewerkschaftlichen Oppositionsbewegung „Solidarność“ führte Die Verhängung des Ausnahmezustandes 1981 brachte Geremek eine einjährige Internierungshaft ein. In den Folgejahren wurde er einer der engsten Berater des Solidarność-Führers Lech Walęsa. An den Verhandlungen des „Rundes Tisches“, die den Demokratisierungsprozess in Polen und in ganz Osteuropa einleiteten, war Geremek als Vertreter der oppositionellen „Bürgerkomitees“ in führender Stellung beteiligt.
Mit den Umwälzungen des Jahres 1989 begann Geremek, der seinen akademischen Ambitionen weiterhin treu zu bleiben versuchte, endgültig eine weitere Karriere: die der Politik. Als Abgeordneter des Sejm leitete er über drei Legislaturperioden den Außenpolitischen Ausschuss des Sejm. Vom Oktober 1997 bis Juni 2000 führte Geremek das polnische Außenministerium, in dieser Funktion unterzeichnete er am 12. März 1999 den Beitrittsakt Polens zur NATO.
Doch Geremek war nicht irgendein Politiker. Ihn zeichnete – gerade auf dem Hintergrund seiner persönlichen Vita – ein Bekenntnis zur individuellen Freiheit des Menschen aus, die weder durch ideologische noch durch religiöse Dogmen beschnitten werden dürfe. Diese Grundhaltung brachte ihn im Laufe der 90er Jahre in Konflikt mit so manchem Mitkämpfer aus den Anfangstagen der Solidarność. Anfang der 90er Jahre gehörte Geremek zu den Führern der „Unia Demokratyczna“(UD), der großen Sammlungspartei der bürgerlich-demokratischen Opposition in Polen, über viele Jahre als Fraktionsvorsitzender im Sejm und als Mittler zwischen dem eher katholisch-konservativen und dem von der Vizemarschallin des Senats, Zofia Kuratowska, geführten sozialliberalen Flügel der Partei. Allerdings konnte Geremek die wirtschaftsliberal-konservative Umprofilierung der nun als „Union der Freiheit“ („Unia Wolności“/UW) firmierenden Partei nicht vereiteln.
Mit dem Niedergang der UW geriet auch Geremek zeitweilig ins politische Abseits. Im Juni 2004 zog er jedoch schließlich mit der höchsten Stimmenzahl aller polnischen Abgeordneten für die neue linksliberale „Demokratische Partei“ ins Europäische Parlament ein, wo er sich der „Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa“(ALDE) anschloß. Vergeblich nominierte die ALDE Geremek bei den Wahlen zum Präsidenten des EU-Parlaments als ihren Kandidaten. Dem Inhaber zahlloser nationaler und internationaler Auszeichnungen blieb so der krönende Abschluß seines Lebenswerk, nämlich als Vertreter des polnischen Volkes an die Spitze des frei gewählten europäischen Parlaments zu rücken, versagt.
In den Mittagsstunden des 13. Juli 2008 hat die internationale liberale Familie bei einem tragischen Verkehrsunfall westlich von Posen/Poznań einen ihrer bedeutendsten Führer verloren.
Hans-Georg Fleck
*Foto: Andrzej Barabasz
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