Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - 2. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor [Druckversion]




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2. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor
Heinrich August Winkler: Die Deutschen und ihre Freiheit


2. Berliner Rede zur Freiheit
Mit der 2. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor hat die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit eine Tradition gefestigt, die sie mit der Auftaktveranstaltung im April 2007 begründet hatte: Seinerzeit sprach Udo Di Fabio zur Kultur der Freiheit, diesmal beleuchtete der Historiker Heinrich August Winkler das Thema Freiheit aus der Perspektive des Geschichtswissenschaftlers. „Die Deutschen und ihre Freiheit“ hieß der Titel seiner Rede, die er im bis auf den letzten Platz besetzten Gebäude der DZ-Bank am Brandenburger Tor präsentierte.

Mit den 540 Zuhörern setzte Winkler zu einer tief in der Vergangenheit beginnenden Reise durch die deutsche Geschichte an, ausgehend von der Frage, ob für das Unvermögen der Deutschen, aus eigener Kraft eine liberale Demokratie im westlichen Sinn zu errichten, eine besondere deutsche Haltung gegenüber der Freiheit eine Rolle gespielt habe. Winkler führte im Verlauf seines Vortrags viele Gründe an, die das Urteil des amerikanischen Historikers Leonard Krieger untermauerten, in Deutschland habe es seit jeher nur eine Verbindung von zwei unterschiedlichen Auffassungen von Freiheit gegeben: einer Freiheit, „die nur innerhalb des Obrigkeitsstaates verwirklicht werden konnte, und einer anderen, die nur in einem absoluten Reich jenseits aller Staaten zu verwirklichen war.“

Warum keine Revolution in Deutschland?

Heinrich August Winkler
Dies habe sich schon vor Jahrhunderten gezeigt, als – anders als in Deutschland – das Staatskirchentum in England breiten Protest auslöste und damit eine Bewegung, „die nicht nur, wie Luther und die Lutheraner, Glaubens- und Gewissensfreiheit, sondern auch politische Meinungs- und Vereinigungsfreiheit forderte.“ Dazu bildete, so Winkler, die ostelbische Gutsherrschaft über lange Zeit das stärkste Bollwerk gegen die Durchsetzung bürgerlicher und bäuerlicher Freiheit in Deutschland: „Die Symbiose von Luthertum und Gutsherrschaft wurde zusammen mit dem stehenden Heer und dem Beamtentum zur Grundlage des preußischen Absolutismus.“

Wer nach Erklärungen suche, warum es in Deutschland nicht zu einer Revolution nach Art der französischen von 1789 kam, könne diese vor allem im Aufgeklärten Absolutismus finden. „Nicht die deutsche Reaktion, sondern der deutsche Fortschritt hat Deutschland gegenüber dem Westen zurückgeworfen“ – in diesem Paradoxon habe der Historiker Rudolf Stadelmann 1948 seine Antwort auf diese Frage zusammengefasst. „Nur die Idee der Revolution von oben und die Praxis des aufgeklärten Verwaltungsstaates, nur das Vorbild von Herrschern, die als Freunde des Volkes und gerade des niederen Volkes einen Ruf besaßen, weit über die Grenzen ihres Staates hinaus, war stark genug, den Wettbewerb mit der Erklärung der Menschenrechte aufzunehmen. Das Ideal der Revolution von oben hat dem Deutschen das Gefühl vermittelt, dass er keinen fremden Import brauchte, um sein Haus in Ordnung zu halten. Und es waren nicht die Fürsten selbst und ihre Beamten, sondern das aufgeklärte literarische Bürgertum, welches dieses Verfassungsideal pflegte.“

Das soziale Freiheitsverständnis der Deutschen

Im Scheitern der Revolution von 1848 machte Winkler sodann einen bedeutsamen Punkt mit „verhängnisvollen Folgen für das politische Bewusstsein der Deutschen aus: Es blieb obrigkeitlich verformt.“ Und so wurde dann 1871 die nunmehr im Vordergrund stehende Einheitsfrage geklärt, die Freiheitsfrage dagegen, „wenn man darunter die Einführung einer parlamentarisch verantwortlichen Regierung verstand, blieb hingegen ungelöst.“




Zuhörer aus dem Bundestag: Solms, Brüderle und Schily
Einen ganz entscheidenden Fixpunkt für das Verhältnis der Deutschen zur Freiheit machte Winkler schließlich in der Bismarckschen Sozialpolitik aus. Er habe „früher und schärfer als die meisten Liberalen“ die Bedeutung der sozialen Frage erkannt und mit den Sozialversicherungsgesetzen der 1880er Jahre Konsequenzen aus der Lehre des konservativen Hegelianers Lorenz von Stein vom „Königtum der sozialen Reform“ gezogen. Konsequenzen, denen auch Friedrich Naumann 1917 folgte, als er unter dem Titel „Die deutsche Freiheit“ schrieb, „die Freiheit der Schwachen bestehe nicht nur in aktiven und passiven politischen Rechten, sondern darin, dass ihre schwache Existenz staatlich geschützt wird“. Es war der von Bismarck geschaffene Sozialstaat, der Naumann dazu brachte, von der „Freiheit aller“ zu sprechen und das soziale Freiheitsverständnis der Deutschen der individualistischen Freiheitsidee der Angelsachsen gegenüberzustellen, so Winkler.

„Der Staatssozialismus paukt sich durch. Jeder, der diesen Gedanken wieder aufnimmt, wird ans Ruder kommen“ – dieses Wort Bismarcks aus dem Jahr 1881 habe am Beginn einer Tradition gestanden, die es leicht machte, soziale Sicherheit gegen politische Freiheit auszuspielen. Auf je unterschiedliche Weise taten dies nach 1933 das nationalsozialistische Deutschland und nach 1949 die DDR.

Soziale Sicherheit gegen politische Freiheit ausgespielt

Einführende Worte von Wolfgang Gerhardt
Die beiden Diktaturen, die es in Deutschland im 20. Jahrhundert gegeben habe, hätten soziale Sicherheit gegen politische Freiheit auszuspielen versucht, und sich damit einen gewissen Massenrückhalt verschafft – das „Dritte Reich“ in sehr viel höherem Maß als die DDR. Vom zweiten Versuch wirke, so Winkler, „trotz seines Scheiterns noch einiges nach: in Gestalt der verbreiteten Neigung, vom Staat mehr zu fordern, als er zu leisten vermag, und im Zweifelsfall der Gleichheit Vorrang vor der Freiheit zu geben.“ Doch das Verlangen nach sozialer Sicherheit werde nicht dadurch illegitim, dass es von Diktaturen missbraucht wurde: „Demokratien müssen sich vielmehr immer aufs neue dadurch legitimieren, dass sie allen Mitgliedern der Gesellschaft, auch den schwächsten, die Möglichkeit geben, ihre Freiheit zu nutzen und zu erweitern.“

Gleichheit und Freiheit, Expansion und Begrenzung des Sozialstaats – dies waren denn auch die Begriffspaare, die von den Gästen im Anschluss an die 2. Berliner Rede zur Freiheit diskutiert wurden. Seit vielen Jahren bestimmen sie die politische Diskussion in Deutschland – Heinrich August Winkler aber vermochte es, den folgenden Gesprächen der Gäste deutlich mehr Tiefe als vom alltäglichen politischen Diskurs gewohnt zu geben – indem er die historischen Wurzeln des deutschen Freiheitsverständnisses freilegte.

Boris Eichler

Die 2. Berliner Rede zur Freiheit als Video:



Der Offene Kanal Berlin zeigt die Rede am 7.5. und am 6.6. jeweils um 22 Uhr.

Die Einführung zur 2. Berliner Rede zur Freiheit als Video:



Downloads:

Manuskript Heinrich August Winkler (PDF)
Manuskript Wolfgang Gerhardt (Einführung) (PDF)

Den Bericht zur 1. Berliner Rede zur Freiheit finden Sie hier.
Im November 2007 hielt Freya Klier in Jena eine Rede zur Freiheit - mehr dazu hier.




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