Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Liberales Blogger-Woodstock in Gummersbach [Druckversion]




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Liberales Blogger-Woodstock in Gummersbach


Die liberale Blogosphäre - virtuell...
Blair tut es, Merkel tut es, Niebel tut es – ein Weblog zu betreiben gehört – mittlerweile oder schon bald – zum Standardrepertoire politischer Kommunikation. Nur: Zur politischen Blogosphäre gehören all diese Politiker-Blogs nicht. Der Begriff Blogosphäre (engl. „blogosphere“) nämlich beschreibt die Gesamtheit der Weblogs und ihrer Verbindungen. Und an genau diesen Verbindungen fehlt es: Politikerblogs stehen in der Regel für sich allein, verweisen nicht, vernetzen sich nicht und lassen das logbuchartig-persönliche Kommunizieren vermissen, das ein Weblog eben ausmacht.

Politiker-Blogs stehen deshalb bei den echten Bloggern nicht gerade hoch im Kurs, die sich in der Theodor-Heuss-Akademie unter der Überschrift „Die liberale Blogospähre – neue Netzwerke in der virtuellen Bürgergesellschaft“ zusammenfanden. Auch wenn sich die meisten von ihnen vorher nie persönlich begegnet waren – sie kannten sich schon, denn ein virtuelles Netzwerk liberal eingestellter Blogger besteht bereits lange, es wird größer und verknüpft sich zu immer größerer Dichte. Die Veranstaltung der Stiftung für die Freiheit, darin bestand zum Abschluss weitgehend Einigkeit, war in diesem Prozess ein Meilenstein.

Blogs – ein vielseits unterschätztes Medium

...und die liberale Blogosphäre - personifiziert
An dieser Stelle des Berichts mag schon so mancher Leser ausgestiegen sein, weil er die Blogosphäre für etwas hält, das seine Lebenswelt nicht berührt. Das wird nicht mehr lange so sein. Bereits ein Drittel der Internetnutzer lesen Blogs (6,6 Millionen Deutsche), 1,4 Millionen betreiben eines und auffällig ist, das haben die Recherchen des Auftaktdozenten Steffen Büttel (media-ocean.de) ergeben: Unter den politischen Blogs sind die liberalen weit stärker vertreten und besser vernetzt als die anderer politischer Richtungen.

Der Grund hierfür kann nur vermutet werden, aber vieles spricht dafür, dass mangels nennenswerter liberal ausgerichteter Massenmedien kommunikatonswillige und –wütige Liberale dorthin ausweichen, wo es keinen Chefredakteur, keine Notwendigkeit für Scheren im Kopf und für wirtschaftlichen Rücksichtnahmen gibt: Ins Netz, wo jeder für jedermann erreichbar und quasi zum Nulltarif unkompliziert loswerden kann, was er zu sagen hat. Und das in einer anderen Qualität, als es Massenmedien zu leisten vermögen: Neben der klassischen politischen Meinungsäußerung werden Argumente ausgetauscht, Fakten und Einschätzungen mit Quellen belegt, die mit einem Mausklick überprüft werden können. Diese Art politischer Kommunikation ist für die Meinungsbildung ertragreicher, fundierter und glaubwürdiger als viele andere.

Großbritannien: Die Zukunft heute

Durchaus machtvoll: ConservativeHome in Großbritannien
Wie sehr diese Zukunft anderswo schon Gegenwart ist, verdeutlichte Tim Montgomerie, der in Großbritannien das Weblog ConservativeHome betreibt. Eine große Zahl konservativer Parteimitglieder findet dort Gelegenheit, sich einzumischen und das auf einem Niveau, das so manchen Teilnehmer des politischen Betriebs der Berliner Republik in Angst und Schrecken versetzen dürfte: Die Arbeit des Schattenkabinetts der Tories wird online bewertet, und das nicht nur mit summarischen Statements, sondern mit echten Quoten für jeden konservativen Politiker – Material, das früher von Auftragsdemoskopen erhoben worden und im Parteitresor verschwunden wäre. Aktuelle politische Fragen stehen zur Abstimmung, etwa welche Steuer die Konservativen denn für den Fall eines Wahlsiegs loswerden wollten (für die Mehrheit war das die Erbschaftssteuer).




Müller, Maxeiner, Hartwich, Messmer
Montgomeries ConservativeHome ist kein Einzelfall, er nannte weitere Aufsehen erregende Blogs, die im politischen Leben des Vereinigten Königreichs eine bedeutende Rolle spielen, etwa Burning our Money mit dem für Liberale wohlklingenden Untertitel „How government spends the money we earn and how we can stop them“. Manfred Messmer, Betreiber des in der Schweiz ansässigen Blogs arlesheimreloaded, hatte sich Tags zuvor noch skeptisch über den Einfluss geäußert, den Blogs auf die Politik haben könnten. Nach Montgomeries Vorstellung rief er spontan in die Runde: „Ich nehm’ alles zurück, was ich gestern gesagt habe.“ Die These jedenfalls, das Internet werde die größte Dezentralisierung von Macht bringen, die man je gesehen hat, klang nach dem Vortrag des Machers von ConservativeHome bei weitem nicht mehr so verwegen, wie es auf den ersten Blick schien.

Fortschritt, der der Gutenbergschen Revolution gleichkommt

Die Achse des Guten
Gleiches gilt für das Statement von Michael Miersch, nach dem das Internet eine Form von Journalismus ermöglicht, der ohne „Gatekeeper“, also leitende Redakteure und Verleger mit Schleusenwärterfunktion, auskommt – ein „unglaublicher Fortschritt, der der Gutenbergschen Revolution gleichkommt.“ In der Tat spricht vieles dafür, dass die vom Bundesverfassungsgericht geprägte Formel von der Rolle des Rundfunks und der Presse als „Medium und Faktor der öffentlichen Meinungsbildung“ bald jedermann zukommt. Eine Erkenntnis, die den auf den ersten Blick phrasenhaft daherkommenden Untertitel der Veranstaltung „neue Netzwerke in der virtuellen Bürgergesellschaft“ mit Leben füllt. Mit Dirk Maxeiner, Michael Miersch (Achse des Guten) und Tomislav Rus (oekologismus.de) saßen Teilnehmer in der Gummersbacher Runde, die exemplarisch für die Möglichkeit stehen, durch das Internet eine mediengemachte Ein-Meinungs-Welt – hier im Bezug auf die Klimadebatte – zu knacken und Diskussionen in Gang zu halten. Blogs wie die Achse des Guten sind nicht mehr nur Medium, sie sind – gerade dank ihrer Freiheit – zum Faktor geworden.

Allemal eröffnen Blogs schon heute Wissenswelten, die einem Zeitungsleser nur schwer zugänglich sind, der sich mit oft langatmig vorsortierter Ware begnügen muss. Sie liefern nicht nur schnelle Informationen von Brennpunkten dieser Welt oder sabotieren Informationssperren und Zensur in Diktaturen. Oft sind es einfach andere Perspektiven, die sich durch Blogger gewinnen lassen. Das England-Bild etwa, das Oliver Marc Hartwich bei der Achse des Guten zeichnet, ist von grassierendem Etatismus geprägt und passt so gar nicht zum Image der Insel als Hort der individuellen und bürgerlichen Freiheit.

Wildwüchsige Mikropublizistik und Autorenjournalismus

Podium: Kantel, Messmer, Müller (Mod.), Hartwich
So viel wildwüchsige „Mikropublizistik“ (so Jörg Kantel von schockwellenreiter.de ) bleibt nicht ohne Konsequenzen: Schon jetzt zeigt sich, wie Messmer feststellte, in den klassischen Medien eine Renaissance des Autorenjournalismus, hervorgerufen durch die Blogs. Besucher der Medientage München im vergangenen Jahr wundert das nicht, sie konnten bei verschiedenen Gelegenheiten Verleger hören, die sich brüsteten, namhafte Blogger für ihre Häuser angeworben zu haben, wegen derer „Personality“, wie es allenthalben hieß. Die Personality dieser Journalisten kommt nicht von ungefähr: Ihre Argumente und Analysen stechen gerade deshalb, weil sie es gewohnt sind, sich mit ihren Argumenten und Analysen durch das öffentliche Schlachtfeld auf ihren Kommentarfeldern durchzukämpfen und dem atmosphärischen Druck ihrer Blogosphäre standzuhalten.

Hervorragende Organisation: Wolfgang Müller vom Institut für Unternehmerische Freiheit
So sehr die liberalen Blogger ihr virtuelles Medium auch schätzen, so sehr wissen sie auch um die Vorzüge persönlicher Kommunikation: „Diese Veranstaltung wird innerhalb der Liberalen Blogosphäre zum Mythos werden, so ähnlich wie Woodstock, nur ohne Regen und ohne BtMG-relevante Substanzen“ – so das Fazit der Gummersbacher Tage von Marian Wirth (Bissige Liberale ohne Gnade). „Es war die beste Veranstaltung mit mehr als einem Menschen, an der ich je teilgenommen habe.“

Das mag vermessen klingen, doch schon allein mit diesem Gefühl nach Hause zu fahren, muss die Reise Wert gewesen sein. Und die Erkenntnis, Teil einer – nicht mehr nur virtuellen – Bürgergesellschaft zu sein, die diesen Namen verdient.

Boris Eichler
Online-Referent

In Gummersbach waren vertreten:

Achse des Guten
Antibuerokratieteam
Arlesheimreloaded
Bissige Liberale
Conservativehome
Freiheit, Markt, Recht
Freiheitsfabrik
Freunde der offenen Gesellschaft
Institut für Unternehmerische Freiheit
Lawblog
Media-Ocean
Mit dem Kopf voran
Odem
Oekologismus
Schockwellenreiter
Transatlantic Forum

Fotos: Norbert Stehlik, Gruppenfoto: Daniel Fallenstein

Hinweis:

Berlin 9.11.2007
Veranstaltung vor der ägyptischen Botschaft
Demonstration für den Blogger Kareem Amer




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