Süßes Gift
Ursprünglich sollte die Entwicklungshilfe den Ländern der Dritten Welt Investitionskapital zur Verfügung stellen, um im Sinne der viel beschworenen »Hilfe zur Selbsthilfe« einen sich selbst tragenden Aufschwung auszulösen. Doch nach wie vor werden aus der öffentlichen Entwicklungshilfe die laufenden Kosten afrikanischer Staatshaushalte bestritten. Nach wie vor finanziert Entwicklungshilfe Aufgaben, die eigentlich längst Afrikas Staaten übernehmen sollten. Die Entwicklungshilfe ist zur Dauersubvention verkommen. Sie wird konsumiert, nicht investiert. Wie so oft haben auch hier wohlgemeinte Transfers im stillschweigenden gemeinsamen Interesse der wichtigsten Beteiligten die Notlage verewigt, die eigentlich längst beseitigt sein sollte. Statt »Hilfe zur Selbsthilfe« zu leisten, hat die Entwicklungshilfe viele Ansätze zur Selbsthilfe erstickt und Irrwege afrikanischer Länder von Marxismus-Leninismus über Autarkiebestrebungen, Importsubstitution, Befreiungstheologie bis zur Suche nach einem afrikanischen Sozialismus in Tansania oder einem afrikanischen Humanismus in Sambia mitfinanziert. Entwicklungshilfe hat falsches politisches Handeln nicht nur toleriert, sondern auch noch honoriert. Für Fehlleistungen afrikanischer Regierungen übernahmen die Steuerzahler in Europa, Nordamerika oder Japan fast immer ohne ein Wort der Kritik die finanzielle Verantwortung. So wurde die Abhängigkeit der afrikanischen Länder von der finanziellen Hilfe aus dem Ausland verstärkt. Da die öffentliche Entwicklungshilfe vorwiegend an Regierungen fließt, haben die Armen in Afrika und anderswo kaum von ihr profitiert, sondern vor allem die herrschenden Eliten. Damit wurde zugleich die Entwicklungshilfe politisiert: Seit vielen Jahrzehnten ist es für Menschen mit Unternehmensgeist und Ehrgeiz in Afrika interessanter, sich über eine politische Karriere und die richtigen Beziehungen Zugang zu den Entwicklungsgeldern und zum von außen alimentierten Staatsdienst zu verschaffen, als sich im Privatsektor den Risiken des Marktes auszusetzen. Das alles hat Afrikas Entwicklung behindert, wenn nicht verhindert.
Einer der entscheidenden Denkfehler besteht im Glauben, dass man Entwicklung kaufen oder – noch schlimmer – sogar verschenken kann. In Wirklichkeit geht es darum, sich zu entwickeln, statt von anderen entwickelt zu werden. Wenn nur die reichen Länder die von der UNO geforderten 0,7% des jeweiligen Bruttosozialprodukts an die armen Länder der Erde jährlich abgäben, so lautet die gängige Argumentation, dann wären die Reichen nur wenig ärmer, aber den Armen wäre spürbar geholfen. Doch diese Annahme ist ebenso falsch wie zählebig und bequem. Das ihr zugrunde liegende Entwicklungsmodell übersteht keinen Realitätstest. Die besonders hoch entwickelten Staaten der Erde haben sich beispielsweise gar nicht nach dem Afrika verordneten Muster verhalten. Der schwedische Autor Johan Norberg hat in seinem provokanten Buch »Das Kapitalistische Manifest« darauf hingewiesen, dass sein Heimatland um 1870 genau so arm war wie heute Mosambik oder der Kongo. Was Schweden den entscheidenden Anstoß zur Entwicklung gegeben hat, waren umfassende Reformen, die von liberalen Grundsätzen geprägt waren. Sie haben den Schweden Anreize zu unternehmerischer Initiative und zur Nutzung ihrer Talente und Fähigkeiten auf dem Markt gegeben und ihnen Chancen für die Übernahme von Verantwortung eröffnet. Gleiches gilt für die Schweiz, Deutschland oder die Vereinigten Staaten. Keines dieser Länder verdankt seinen Aufstieg irgendeiner Art von Entwikklungshilfe Dritter.
Der Blick in die Gegenwart zeigt Ähnliches. Der wirtschaftliche Aufschwung in der Volksrepublik China oder Indien resultiert daraus, dass ebenso kluge wie mutige, am Eigennutzen orientierte Reformer durch die Veränderung der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Rahmenbedingungen vor Ort enorme Wachstumskräfte freigesetzt haben. Chinas rapide gestiegenes Gewicht im internationalen Handel ist kein Ergebnis der Entwicklungshilfe, die dem Land gewährt wurde und erstaunlicherweise noch immer gewährt wird. China bestätigt vielmehr das Diktum des liberalen Wirtschaftswissenschaftlers Peter Bauer: Wenn die These stimme, dass Entwicklung von außen stimuliert und finanziert werden müsse, dann befände die Menschheit sich noch immer in der Steinzeit, weil ihr kein anderer Planet und kein anderes Sonnensystem Entwicklungshilfe gewährt hat.
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