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Politische Kultur auf Freude an der Freiheit trimmen

Dass Menschen gerade in den neuen Bundesländern auch heute noch an den Sozialismus glaubten, habe wohl auch mit einer romantischen Sehnsucht zu tun, die gerade in schwierigen Übergangsphasen Wirkung entfalte: Man möchte irgendwann in einer geordneten Gesellschaft ankommen, in der sich alles günstig regele ohne Diskurs und heftigen Interessenausgleich und Konflikte. Und dieses tief verwurzelte Erlösungsbedürfnis vieler Menschen sei die Basis für populistische Propaganda, die das Sehnsuchtspotenzial der Menschen anspreche und daher so gefährlich sei. Man könne in Deutschland von einer „neuen Neigung zu einer alten Romantik“ sprechen. Darum müssten die Liberalen kämpfen und immer wieder Mut aufbringen: „Diese Freiheit versteht sich nicht von selbst.“

Gauck: Mentalität des Gehorsams

Bis auf den letzten Platz besetzt: Das Hambacher Schloss
Und Gauck ärgerte sich über die unglaubliche Vergesslichkeit vieler seiner Zeitgenossen. Die über Jahrzehnte erlebte und erlittene Politik der Unfreiheit erscheine heute vielfach in einem günstigen Licht. Eine Mentalität des Gehorsams habe sich über Jahrzehnte herausgebildet, der wie ein dunkler Schatten über der Gesellschaft liege. 56 Jahre Diktatur bedeuteten mental: „Halte den Mund! Misch dich nicht ein! Das bringt nur Ärger.“ Das Ergebnis sei ein bis heute wirksames „Angst-Anpassungs-Syndrom“, das als normal empfunden werde. Vorsichtig sein und sich anpassen. Die Ratio sei in Zeiten der Unterdrückung auf Seiten der Unterdrücker und nicht auf Seiten der Zivilcourage. Und diese Haltung werde noch eine Weile andauern. Aber man müsse es verändern. Und das gehe schneller, wenn man selber aktiv werde.

Aber auch im Westen, so Gauck weiter, sei eine – wenn auch da und dort anders gelagerte und motivierte – „Furcht vor der Freiheit“ nachweisbar. Auch hier pflegten Politiker vielfach ein paternalistisches Politikverständnis: „Wo das Wort Landesvater auftaucht, ist das Landeskind nicht weit.“ Vielen Westdeutschen, so sein Eindruck, wäre ein aufgeklärter Fürst, der alles für sie regele, wohl auch am liebsten. Darüber hinaus gebe es die Erfahrung, dass der Gewinn der Freiheit verbunden sei mit der Bedrohung von Unbehaustheit und Unsicherheit, oftmals begleitet von Angst. Denn zum Leben in Freiheit gehöre unzweifelhaft Mut. Und dieser Mut sei leider auch in der Politik Mangelware. Die Folge sei, dass man sich meist an den Ängsten der Menschen orientiere statt an ihren positiven Möglichkeiten von Verantwortung und Freiheit. Er habe nichts gegen Libertinage. Da wolle er nicht missverstanden werden: „Aber wir verfehlen doch unsere Lebensmöglichkeiten, wenn wir es dabei belassen.“ Wenn wir als aufgeklärte Bürger von Patriotismus sprechen, dann liefen wir nicht einem Wahn nach sondern erinnerten an die großen Errungenschaften der deutschen Demokratieentwicklung und darauf könnten wir stolz sein.

Und er fragte: „Warum gibt es so viele Menschen, die nicht mehr wählen gehen? Es betrübt mein Herz und meinen Verstand, wenn ich gerade so viele junge Menschen sehe, die es nicht mehr für nötig halten, zur Wahl zu gehen.“ Er sei 50 Jahre alt gewesen, als er zum ersten Mal – frei – wählen durfte. Die Tränen seien ihm über die Wangen gelaufen: „Ich werde nie verstehen, dass Menschen ihre Würde als Bürger so versaubeuteln, dass sie nicht mal mehr zur Wahl gehen.“ Diskursfähig seien sie doch, etwa in vielen Fragen des Konsums. Nur die Politik hätten sie abgehakt. „Ich will aber keine Verwandlung vom Bürger zum Konsumenten. Ich will Bürger, die auch konsumieren.“ Darum gelte es, diesen „schleichenden Verlust an Freiheitsfähigkeit“ umzukehren: „Die Bürgerexistenz ist eine Lebensform. Sie ist eine Herausforderung, aber sie tut nicht weh!“ Und darum habe gerade eine liberale Partei die Aufgabe, die andere Seite der Freiheit – die Verantwortung - zu betonen, damit wieder Bürger nachwachsen, welche die Lust und die Last der Verantwortung befördern und auf sich nehmen.

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