2. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor
Heinrich August Winkler: Die Deutschen und ihre Freiheit
Zuhörer aus dem Bundestag: Solms, Brüderle und Schily
Einen ganz entscheidenden Fixpunkt für das Verhältnis der Deutschen zur Freiheit machte Winkler schließlich in der Bismarckschen Sozialpolitik aus. Er habe „früher und schärfer als die meisten Liberalen“ die Bedeutung der sozialen Frage erkannt und mit den Sozialversicherungsgesetzen der 1880er Jahre Konsequenzen aus der Lehre des konservativen Hegelianers Lorenz von Stein vom „Königtum der sozialen Reform“ gezogen. Konsequenzen, denen auch Friedrich Naumann 1917 folgte, als er unter dem Titel „Die deutsche Freiheit“ schrieb, „die Freiheit der Schwachen bestehe nicht nur in aktiven und passiven politischen Rechten, sondern darin, dass ihre schwache Existenz staatlich geschützt wird“. Es war der von Bismarck geschaffene Sozialstaat, der Naumann dazu brachte, von der „Freiheit aller“ zu sprechen und das soziale Freiheitsverständnis der Deutschen der individualistischen Freiheitsidee der Angelsachsen gegenüberzustellen, so Winkler.
„Der Staatssozialismus paukt sich durch. Jeder, der diesen Gedanken wieder aufnimmt, wird ans Ruder kommen“ – dieses Wort Bismarcks aus dem Jahr 1881 habe am Beginn einer Tradition gestanden, die es leicht machte, soziale Sicherheit gegen politische Freiheit auszuspielen. Auf je unterschiedliche Weise taten dies nach 1933 das nationalsozialistische Deutschland und nach 1949 die DDR.
Soziale Sicherheit gegen politische Freiheit ausgespielt
Einführende Worte von Wolfgang Gerhardt
Die beiden Diktaturen, die es in Deutschland im 20. Jahrhundert gegeben habe, hätten soziale Sicherheit gegen politische Freiheit auszuspielen versucht, und sich damit einen gewissen Massenrückhalt verschafft – das „Dritte Reich“ in sehr viel höherem Maß als die DDR. Vom zweiten Versuch wirke, so Winkler, „trotz seines Scheiterns noch einiges nach: in Gestalt der verbreiteten Neigung, vom Staat mehr zu fordern, als er zu leisten vermag, und im Zweifelsfall der Gleichheit Vorrang vor der Freiheit zu geben.“ Doch das Verlangen nach sozialer Sicherheit werde nicht dadurch illegitim, dass es von Diktaturen missbraucht wurde: „Demokratien müssen sich vielmehr immer aufs neue dadurch legitimieren, dass sie allen Mitgliedern der Gesellschaft, auch den schwächsten, die Möglichkeit geben, ihre Freiheit zu nutzen und zu erweitern.“
Gleichheit und Freiheit, Expansion und Begrenzung des Sozialstaats – dies waren denn auch die Begriffspaare, die von den Gästen im Anschluss an die 2. Berliner Rede zur Freiheit diskutiert wurden. Seit vielen Jahren bestimmen sie die politische Diskussion in Deutschland – Heinrich August Winkler aber vermochte es, den folgenden Gesprächen der Gäste deutlich mehr Tiefe als vom alltäglichen politischen Diskurs gewohnt zu geben – indem er die historischen Wurzeln des deutschen Freiheitsverständnisses freilegte.
Boris Eichler
Die 2. Berliner Rede zur Freiheit als Video:
Der Offene Kanal Berlin zeigt die Rede am 7.5. und am 6.6. jeweils um 22 Uhr.
Die Einführung zur 2. Berliner Rede zur Freiheit als Video: